Gespräch mit Anton Skrobanek von der nextbike Group
Unternehmen investieren in Learning-Management-Systeme (LMS), E-Learnings und standardisierte Schulungsprogramme – doch der erhoffte Effekt bleibt häufig aus. Niedrige Kursabschlussquoten, mangelnde Akzeptanz bei den Mitarbeitenden und fehlender Praxisbezug sind bekannte Herausforderungen bei der Umsetzung wirkungsvoller betrieblicher Weiterbildung.
Wir hatten ein inspirierendes Gespräch mit Anton Skrobanek – Spezialist für Organisationsentwicklung bei der nextbike Group (im Folgenden „nextbike") –, um zu erkunden, wie Workflow Learning und Performance Support echten Mehrwert für Unternehmen schaffen können. Mit einem Hintergrund in Pädagogik und Lehrerausbildung bringt Anton eine einzigartige Perspektive in die betriebliche Lern- und Personalentwicklung ein. In seiner Rolle bei nextbike, dem europäischen Marktführer im Bikesharing, arbeitet er daran, die interne Lern- und Wissenskultur des Unternehmens grundlegend zu transformieren.
Warum formales Lernen nicht ausreicht
Traditionelles E-Learning erfüllt durchaus seinen Zweck – insbesondere in Bereichen wie Onboarding oder Compliance, wo es um den Erwerb von Grundlagenwissen geht und die Inhalte langfristig relevant bleiben. Hier können digitale Formate Zeit und Ressourcen sparen.
Doch die Realität des Tagesgeschäfts ist komplexer. Die zentrale Kritik: Die Trennung von Lernen und Arbeit spiegelt möglicherweise nicht die dynamische Natur des Arbeitsalltags wider. Infolgedessen nehmen Mitarbeitende Lernangebote als praxisfern wahr und entwickeln eine kritische Haltung gegenüber LMS und E-Learnings. Die Akzeptanz leidet – und damit auch der potenzielle Mehrwert für das Unternehmen.
Gerade für operative Mitarbeitende finden die meisten Lernmomente nicht im Schulungsraum statt, sondern im täglichen Arbeitsablauf. Ein Fahrradmechaniker, der mit einem neuen Bauteil konfrontiert wird, kann sich nicht auf ein 45-minütiges Produkttraining verlassen, in dem nur 1 % der Inhalte für seine konkrete Frage relevant ist.
Workflow Learning: Lernen im Moment des Bedarfs
Betriebliches Lernen findet nicht nur in Schulungsräumen oder E-Learning-Modulen statt. Es findet am Arbeitsplatz statt. Mitarbeitende begegnen einer Vielzahl von Situationen, die den Erwerb oder die Anpassung von Wissen erfordern – sogenannte Lernmomente:
- etwas Neues lernen
- mehr über etwas erfahren
- Wissen anwenden
- konkrete Probleme lösen
- auf Veränderungen reagieren
Die ersten beiden Lernmomente – Wissensaufbau und -vertiefung – lassen sich durch formale Formate wie E-Learnings oder LMS-basierte Kurse wirksam unterstützen. Diese sind besonders häufig in Onboarding-Programmen oder Compliance-Schulungen anzutreffen, wo Inhalte klar strukturiert und langfristig relevant sind. Digitale Formate ermöglichen zudem einen effizienteren Einsatz von Schulungsressourcen.
Aber was geschieht, nachdem das formale Lernen endet und die eigentliche Arbeit beginnt? Wenn Wissen angewendet oder an neue Situationen angepasst werden muss, stoßen traditionelle Schulungsformate an ihre Grenzen. Der Zugang zu den richtigen Informationen ist häufig umständlich, verzögert oder überhaupt nicht vorhanden – insbesondere für Frontline-Teams ohne Computerarbeitsplatz.
Genau hier setztWorkflow Learningan. Dieser Ansatz zielt darauf ab, Mitarbeitenden genau die Informationen bereitzustellen, die sie in ihrem spezifischen Arbeitskontext im Moment des Bedarfs benötigen – idealerweise ohne ihren Arbeitsfluss zu unterbrechen. Ob es um die Montage eines neuen Bauteils, die Fehlersuche oder den Umgang mit aktualisierten Prozessen geht: Statt langwieriger Recherche oder generischer Schulungen ist gezieltes Performance Support mit effektiven Kommunikationstools die Antwort.
Workflow Learning bedeutet nicht nur Wissensvermittlung – es geht darum, Menschen in die Lage zu versetzen, eigenständig, effizient und selbstsicher zu arbeiten. Das ist der echte Mehrwert für moderne, lernorientierte Organisationen.
Performance Support in der Praxis
Performance Support ist für nextbike besonders relevant, da das Unternehmen seine eigene Hardware entwirft und kontinuierlich weiterentwickelt. Dadurch entstehen ständig neue Herausforderungen, etwa die Einführung neuer Fahrradkomponenten oder -modelle in bestehende Systeme oder der Start neuer Verleihsysteme mit neuem Personal.
Skrobanek sieht großes Potenzial in digitalen Lösungen – insbesondere in KI-gestützten Assistenten wie denen von Elephant – für den Aufbau von Performance Support:
An einigen unserer Standorte arbeiten nur wenige Personen, die nicht optimal mit erfahrenen Kolleginnen und Kollegen in anderen Systemen vernetzt sind. Mit künstlicher Intelligenz wie Elephant könnten Werkstatt- und Außendienstmitarbeitende erstmals standortübergreifend auf unsere gesamte technische Dokumentation zugreifen.
Ein weiterer Vorteil: Die gesammelten Nutzeranfragen liefern wertvolle Einblicke in wiederkehrende Herausforderungen und helfen Admins und Redakteuren, Lücken in Schulungsmaterialien und Dokumentationen systematisch zu erkennen und zu schließen. Das Ergebnis ist ein Lernsystem, das sich kontinuierlich an die Anforderungen der Praxis anpasst.
Vision: Lernen, das Mehrwert schafft
Das Ziel ist ein kultureller Wandel hin zu einer echten lernenden Organisation – in der Wissen jederzeit zugänglich, kontextuell relevant und vor allem praktisch nutzbar ist. Skrobaneks Vision ist klar:
Ich bin überzeugt, dass genau die Menschen, die vom formalen Lernen über herkömmliche LMS am wenigsten profitieren, den Mehrwert von KI-Unterstützung sofort erkennen werden.
Es geht nicht ums Lernen um des Lernens willen, sondern um Lösungen, die echte Probleme adressieren und den Arbeitsalltag erleichtern. Dieser Ansatz bietet die Chance auf eine neue Qualität des Lernens – und einen echten kulturellen Wandel hin zu einem unterstützenden, bedarfsorientierten Lernen.



